Mieternation Deutschland

22.11.2019

Deutschland – eine verhinderte Eigentümernation?

Gerne wird in der Debatte um Wohneigentum in Deutschland das Bild einer verhinderten Eigentümernation gezeichnet. Und tatsächlich stagniert die Wohneigentumsquote hierzulande seit 2010 bei etwa 45 Prozent. Damit ist Deutschland Schlusslicht im europäischen Vergleich.

Die Vorteile von Wohneigentum liegen auf der Hand. Aber es lohnt sich, die Bedeutung eines funktionierenden Mietwohnungsmarktes in den Blick zu nehmen – ohne Wohneigentum infrage zu stellen.

Mieternation ist historisch Gewachsen

Als eine der wichtigsten Ursachen für die Entwicklung eines so breiten Mietwohnungsmarktes gelten die Zerstörungen von Wohnraum in den Städten während des Zweiten Weltkriegs. In der jungen Bundesrepublik wurden daraufhin massenhaft Mietwohnungen gebaut – auch von privaten Bauherren. Von den bundesweit knapp 21,2 Millionen Mietwohnungen gehören heute etwa zwei Drittel Privatpersonen oder einer Eigentümergemeinschaft. Bei den Mitgliedern von Eigentümergemeinschaften dürfte es sich überwiegend ebenfalls um Privatpersonen handeln.

Fairer Interessenausgleich ermöglicht Mietwohnungsmarkt

Vor allem ein ständig neu verhandelter rechtlicher Ausgleich zwischen Vermietern und Mietern hat dazu beigetragen, dass städtische Geschosswohnungen lange als Mietwohnungen erhalten blieben. Die Eigentümervereine haben ihren Anteil an diesem Aushandlungsprozess. Die Institution des Stockwerkeigentums blieb in Deutschland lange wenig verbreitet. Aus der Balance zwischen staatlicher Intervention und privatem Gewinnstreben ist ein Mietwohnungsmarkt entstanden, der hinsichtlich Vermieter, Stadtquartieren und Wohnqualitäten vielfältig und ausdifferenziert ist.

Mieten ist normal

Mieter sein ist in Deutschland kein soziales Stigma. Das Wohnen zur Miete ist in allen gesellschaftlichen Gruppen verbreitet. Mietwohnungen bieten sich für den Mieter als geeignete Alternative zum Eigentumserwerb an und werden von Eigentümern zu attraktiven Bedingungen angeboten. Das Wohnen zur Miete entspricht bis heute durch seine Flexibilität und Anpassbarkeit den Lebens- und Mobilitätsanforderungen vieler Menschen. Diese Eigenschaften sind jedoch nicht in Stein gemeißelt.

Verdrängung von Mietern durch Preisregulierung

Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaft warnen: Wenn Mieten reguliert werden, bieten Vermieter zunehmend ihre Wohnungen zum Verkauf an, weil sich das Vermieten nicht mehr lohnt. Regulierte Wohnungen bleiben billig. Mieter halten an diesen Wohnungen fest, und sie sind sehr begehrt. Die Mieten der unregulierten Wohnungen schießen gleichzeitig in die Höhe. Im Ergebnis geraten Mietwohnungsmärkte ins Ungleichgewicht, der Eigentumserwerb wird zwangsweise noch attraktiver.

Wohnungspolitik stellt Mieternation infrage

Bei weiteren Eingriffen in den Wohnungsmarkt, wie sie derzeit angedacht werden, ist zu berücksichtigen, dass diese Politik zu einem anderen Gleichgewicht im Bestand an Miet- und Eigentumswohnungen führt. Je intensiver der Markteingriff, desto schlechter kann langfristig das Angebot an Mietwohnungen sein. Die Balance zwischen den Interessen von Mietern und Eigentümern zu wahren, entscheidet, ob wir Mieternation bleiben oder Eigentümernation werden.

Matthias zu Eicken
Haus & Grund Deutschland