Liebe Leser,

20.04.2009

eine Zeitschrift, die nur monatlich erscheint, hat es schwer, immer ganz aktuell zu sein. So geschah das grauenhafte Ereignis auf der Severinstraße genau drei Tage vor Auslieferung der März-Ausgabe. Wir konnten also nicht mehr darauf eingehen.

Heute ist es schwer, schon einen abschließenden Bericht zu geben, aber darum lassen Sie mich aus meiner Erinnerung berichten:

Oft habe ich gesagt, dass die Politik sich nicht mehr für die Vergangenheit dieser alt-ehrwürdigen Geschichte Kölns interessiert. Man kann aber nur ein „politisches Morgen“ gestalten, wenn man auf Vergangenes achtet und darauf aufbaut. Man musste den Eindruck haben, dass Köln und seine Politiker und deren Parteien sich der historischen Bedeutung Kölns nicht mehr voll bewusst waren.

Unvergessen ist mir ein erster Besuch im Archivhaus in der Severinstraße, als der damalige Leiter dieses Stadtarchivs, Prof. Dr. Hugo Stehkämper, auf meine Frage „Besuchen denn auch die Stadtverordneten das Archiv?“ er als Antwort bedauernd verneinend mit dem Kopf schüttelte. Erst als das Haus in Trümmern lag und zwei junge Menschenleben zu beklagen waren, war das Archiv im Fokus der Politik. Plötzlich wussten es alle und insbesondere die politischen Parteien, dass die 2000-jährige Geschichte unserer Stadt verloren war – die Stadt Köln hatte ihr Gedächtnis verloren.

Der Kölner Haus- und Grundbesitzerverein von 1888 hat seit Anfang der Debatte um die Umgestaltung des Gereonsviertels vorgeschlagen, Überlegungen anzustellen, auf das Archiv in den alt-ehrwürdigen Bau der ehemaligen Residenz am Gereonskloster zurückzukommen mit den nötigen Vergrößerungen und Sicherungen. Man wurde sich nicht einig, debattierte, verwarf, plante neu und wieder neu. Eins müssen wir alle wissen: Es war die größte, die wohl bedeutendste und interessante Archivsammlung nördlich der Alpen. Täglich werden jetzt Bruchstücke bei der Suche gefunden. Vieles wird wohl für immer verloren sein. Diese Arbeiten, die einige Jahre - wenn nicht Jahrzehnte – dauern werden, werden uns die größten finanziellen Opfer abverlangen. Ich lehne es ab, mich bei der Suche nach den Schuldigen zu beteiligen. Es gibt viele Gründe, dass es so kommen musste. Ich wiederhole: Die historische Bedeutung Kölns wurde nicht mehr bewusst wahrgenommen. Aber auch das sei gesagt: Bis 2002 hatte Köln ein Amt für Brücken- und Stadtbahnbau, das wegen seiner Kompetenz bundesweit Ansehen genoss. Es war gut organisiert und war 40 Jahre für den U-Bahn-Bau zuständig – von der Bodenuntersuchung über die Entwurfsentwicklung und Ausschreibung bis zur Bauüberwachung und –unterhaltung. Leider beschloss dann der Rat, diese wichtigen Aufgaben an die KVB, die eine Tochter des Stadtwerke-Konzerns ist, zu übertragen. Die Vorstellung war, dass alles verschlankt und kostengünstiger werden sollte. Viele der wichtigen Aufgaben wurden „außer Haus“ gegeben und neu eingekauft. Es traten Dienstleistungsrichtlinien in Kraft, wonach auch Ingenieurleistungen europaweit ausgeschrieben waren. Es war wichtig, dass nicht das beste, sondern das „billigste“ Angebot angenommen werden musste. Inzwischen haben Nicht-Fachleute das Wort, vielleicht noch Juristen und Kaufleute. Vieles wird zerlegt, verschachtelt, verrechtlicht, gar privatisiert. So kam es wie es kommen musste.

Jetzt kommt auf den Rat eine Sisyphus-Arbeit zu und das muss ohne Parteiengerangel und Kompetenzgewirr geschehen; die Zuständigkeiten und Verantwortlichen für die Unglücksbaustelle müssen sachlich ermittelt werden. Heute sind aber Zweifel angebracht, ob Köln noch die Kraft hat, parteiübergreifend, nüchtern und sachlich überlegen und handeln kann – und für alles war beim besten Willen nicht der Oberbürgermeister allein zuständig und verantwortlich. Einige seiner Dezernate, die Verantwortung tragen mussten, haben aber total versagt. Eine Schlammschlacht ohne Beispiel hob an. „Der Schutt und die Mauerreste“ der Severinstraße wird derzeit auf das Haupt des Oberbürgermeisters abgeladen. Es gibt keine Entschuldigung für das miserable Benehmen einem Mann gegenüber, der von den Bürgern mehrheitlich anerkannt wurde. Dass er kein Verwaltungsfachmann ist, wussten alle, dass er kein „dickes Fell“ hatte, das man als Politiker eigentlich habe müsste, wussten wir auch; aber alle wussten bzw. hätten es wissen müssen, dass er sein Bestens für Köln gegeben hat. Die gezielten, man könnte sagen bösartigen Angriffe kamen nicht nur aus der politischen Ecke. Es gab auch Unterstellungen und bösartige Kommentare von einer anderen Stelle. Und da fällt mir ein Satz ein, der die Situation sehr deutlich skizziert: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst“. Das ist für mich keine mystische Feststellung, sondern eine äußerst realistische. Der Beweis ist in den Augen jedes beliebigen „Parteisoldaten“ in Köln zu finden.  Es fragt sich: Haben wir noch genügend verantwortungsbewusste Politiker und unabhängige Beamte, die Köln wirklich kennen und die sich mehr für Köln und seine Menschen einsetzen und nicht für ihre eigenen Pöstchen und Parteien? Es ist ihre vornehmste Pflicht, ihre ganze Kraft für diese Stadt mit seinen Bürgern zur Verfügung zu stellen und dies auch vorzuleben?

Auf jeden Fall danke ich Fritz Schramma, dass er neun Jahre seines Lebens für Köln positiv zur Verfügung stand. Seine Frau wird auch weiterhin Schirmherrin für unsere Kunstausstellungen bleiben. Die Frage: Haben wir Haus- und Grundeigentümer nicht genügend Gründe, ihm zu danken? Man wird ja wohl noch fragen dürfen.

Ihr

Hanns Schaefer