Kölner Anarchisten um 1900 – und ihre Überwachung

09.11.2018

Prof. Thomas Mergel, Autor von Band 10 der Kölner Stadtgeschichte, " Köln im Kaiserreich"

Band 10 der Kölner Stadtgeschichte, " Köln im Kaiserreich"

Die Kölner Arbeiterbewegung war nicht zuletzt deshalb bedeutend, weil sie neben dem sozialdemokratischen auch einen starken christlichen Flügel aufzuweisen hatte und so auch Arbeiter erfasste, die in der SPD nicht zu organisieren waren. Beide, sozialdemokratische wie christliche Arbeiterbewegung, waren in ihrer politischen Grundeinstellung nicht eben als radikal revolutionär zu bezeichnen. Daneben gab es noch eine dritte Spielart, der Sozialdemokratie ebenfalls feindlich gegenüberstehend und sich als die wahre revolutionäre Bewegung begreifend, aber zahlenmäßig absolut randständig und auch in der zeitgenössischen Öffentlichkeit so gut wie unbeachtet. Umso mehr hat sie die staatliche Überwachung beschäftigt: die anarchistische Subkultur. Ab der Mitte der 1890er Jahre schien man sie – wie die Anarchisten sich das auch selber wünschten – als die neue revolutionäre Hauptgefahr identifiziert zu haben, so dass die staatliche Überwachung hierauf ihr Augenmerk legte. In Köln nahm man sich dieser Aufgabe mit aller Energie an.

Die anarchistische Bewegung war in Deutschland nur wenig von ihrem sprengstoffaffinen russischen Vorbild beeinflusst. Vielmehr hatte sie lebensreformerische Züge und pflegte einen „ethischen Sozialismus“, der sich in Kritik zur sozialdemokratischen Organisationsmaschine als sehr individualistisch verstand. Der Anarchismus hatte Zulauf vor allem in Handwerkerkreisen, in den schwerindustriellen Großbetrieben sah man von ihm nichts. Da Anarchisten organisationsfeindlich waren, zerfielen sie in Köln wie anderswo in verschiedene Gruppen, die sich unablässig gegenseitig bekriegten; sie umfassten nur selten mehr als ein paar Dutzend Mitglieder insgesamt, die zügig zwischen der einen und der anderen Gruppierung hin- und herwechselten. Zeitschriftenprojekte wurden eifrig gegründet und bald aus Geldmangel wieder aufgegeben. Hochburg des Kölner Anarchismus war Nippes. Vor allem in der Florastraße 80 traf sich im Lokal von Karl Zinn der „Verein der föderierten Anarchisten von Cöln und Umgegend“. Er war dominiert von einer älteren Gruppe, die noch sozialdemokratische Wurzeln hatte. Nach einem tiefen Zerwürfnis spaltete sich 1909 eine Gruppe von Jüngeren ab, die sehr viel radikaler waren und sich sehr viel grundsätzlicher als Revolutionäre (und deshalb als antisozialdemokratisch) verstanden.

Dennoch warfen sie keine Bomben, sondern gründeten Vereine, und das mit großem Fleiß. In Nippes gab es zum Beispiel die „freie Vereinigung der Schuh- und Schäftearbeiter“, die „freie Vereinigung aller Berufe“ oder den „Sozialistischen Bund“, die sich 1910 sich zum „Freien sozialistischen Arbeiterverein“ zusammenschlossen. Dessen Vorsitzender war der rührige, aber auch umstrittene Schuhmacher Karl Klinge. Dieser neue anarchistische Dachverband gab unter der Redaktion von Klinge die Zeitschrift „Die neue Gesellschaft“ heraus, im Verlag von Jakob Renner in der Auguststraße in Nippes. Renner war ebenfalls ein aktiver Anarchist. Doch schon wenige Monate später war die Zeitschrift, die augenscheinlich so gut wie keine Abonnenten werben konnte, unter einem Schuldenberg von 800 Mark wieder zusammengebrochen. Verantwortlich gemacht wurde der Vorsitzende: Man warf Klinge Misswirtschaft vor und schloss ihn aus dem Verein aus. Klinge gab daraufhin einen Aufruf zur Gründung einer neuen Vereinigung namens „Bund für soziale Betätigung“ heraus, dem aber nur vier Leute folgten, die aber dann doch nicht Mitglieder werden wollten. Augenscheinlich ging es Klinge auch darum, einen Vertriebsweg für die von ihm verfasste Broschüre „Gewerkschaftsbewegung und Genossenschaftswesen“ zu eröffnen. Ende 1910 gründete Lambert Kluth, ein Anhänger des ethischen Anarchisten und Pazifisten Gustav Landauer, die „Gruppe Germinal“. Unter der Konkurrenz dieser Vereine litt der „Freie sozialistische Arbeiterverein“, der nun kaum mehr Mitglieder hatte.

1911 zählte man insgesamt sechs Anarchistengruppen in Köln, von denen die meisten weniger als 15 Mitglieder hatten. Nur die „Föderation der Arbeit“ umfasste 180 Mitglieder, doch dies scheint auf einem Missverständnis beruht zu haben, denn offensichtlich meinten manche derer, die da neu eintraten, es handle sich um so etwas wie eine Gewerkschaft. Die Namen fast aller aktiven Anarchisten waren dem Polizeipräsidenten bekannt; es handelte sich um weniger als zwei Dutzend Leute. 1913 gründete sich anlässlich eines Lohnkampfs eine anarchistische Gewerkschaft, die „Freien Vereinigung der Metall- und Fabrikarbeiter in Cöln“. Sie bestand anfänglich aus 15-20 Arbeitern, gab sich ein Ortsstatut und wählte einen Vorstand. Untypisch für eine Gewerkschaft, kämpfte sie gegen alles, was das Los der Arbeiter mildern und demzufolge den Klassenkampf abschwächen könnte, wie etwa Tarifverträge oder sozialstaatliche Unterstützungsleistungen. Stattdessen optierte sie für einen “wirtschaftlichen Klassenkampf“. Das bedeutete: keinerlei Vereinbarungen mit dem Klassenfeind, keinerlei Forderung nach staatlicher Sozialpolitik. Die Verelendung der arbeitenden Klasse sollte ebenso ihren Gang gehen wie der Kampf der Proletarier damit an Schärfe gewinnen. Ausgeschlossen wurde, wer Streikbruch beging, sich unmoralischer oder unehrlicher Haltungen schuldig machte oder wer länger als acht Wochen keinen Beitrag bezahlt hatte. Doch dieser Fall trat nicht ein: schon zwei Monate später musste der Polizeipräsident vermelden, dass die Vereinigung sich wegen Mangels an Mitgliedern wieder aufgelöst hatte.

In diesem anarchistischen Biotop tobten Streit und Hader. Politisch war der zentrale Konfliktpunkt, inwieweit man sich der Sozialdemokratie annähern dürfe. Vor allem die Jüngeren plädierten für eine grundsätzliche Ablehnung sozialdemokratischer Positionen, während die Älteren weniger entschieden waren. Daneben aber ging der Streit teilweise sehr ins Persönliche, und hierbei drehte es sich maßgeblich um die Frage, wie authentisch jeder Einzelne als Revolutionär sei. So wurde ein Anarchist öffentlich gerügt, „weil er sich wegen der drei Monate Gefängnis gedrückt und seine Familie in Not und Elend zurückgelassen hätte“. Eine gewisse Verfolgungsparanoia beherrschte die Szene, die notorisch klamm war. Als ein Mitglied der Szene sich jedoch erbot, auf eigene Kosten zum internationalen Anarchistenkongress nach London zu fahren, wurde dies von allen abgelehnt: Das roch doch nach Spitzeltum, gar Klassenverrat! „Es sei doch auffallend, wenn jemand sich selbst anbiete, eine solche mit großen Unkosten verknüpfte Reise auf eigene Kosten zu unternehmen.“ Die Kölner stritten sowohl untereinander als auch mit den anderen Anarchisten in Rheinland und Westfalen darüber, dass sie nichts zuwege brachten: Zeitschriften, Leseklubs, Vereine, Genossenschaften usw. seien gegründet worden, „aber alles sei elend zugrunde gegangen.“ Dennoch machte dieser zerstrittene Haufen mitunter auch einen Familienausflug ins Bergische Land, der „keinerlei politischen Charakter“ hatte.

Warum wir dies alles so genau wissen? Ein Polizeikommissar war, wie das bei den öffentlich angekündigten sozialdemokratischen Versammlungen üblich war, weder bei den Vereinssitzungen noch bei diesem Familienausflug zugegen. Anarchisten operierten schließlich klandestin und machten ihre Zusammenkünfte nicht per Plakatanschlag bekannt. Nein, die Polizei hatte einen Spitzel in der Anarchistenszene platziert, der integraler Teil davon war, offenbar zu den meisten Vorgängen Zugang hatte und getreulich darüber berichtete; womöglich handelte es sich um Karl Klinge selber oder auch um Jakob Renner, die beide ausweislich der Namensnennungen bei den meisten dieser Veranstaltungen anwesend waren. Genau wissen wir es nicht, weil der „Gewährsmann“, wie er in den Schreiben genannt wird, immer wieder um Vertraulichkeit bittet, damit er nicht bloßgestellt werde. Die Angst vor Spitzeln war in der Kölner Anarchistenszene also nicht aus der Luft gegriffen. Das Spitzelwesen war andererseits auch folgenlos, weil die Kölner Anarchisten niemals auch nur in die Nähe politischer Gefährlichkeit kamen.

Eine Überwachung wie diese kostete Geld. Eine Reihe von Aufstellungen für Ausgaben für geheimpolizeiliche Zwecke im Etat des Polizeipräsidenten aus den Jahren 1913 und 1914 zeigen, dass neben den Anarchisten auch weiterhin die Sozialdemokratien sowie die Polen und die Italiener beobachtet wurden. Für die Anarchisten wurde aber bei weitem am meisten – bis zu 40 Prozent des gesamten Geldes – verausgabt. Das Geld kam aus einem Topf des Innenministeriums, der für Köln pro Jahr 2500 Mark ausmachen sollte. Das Geld war aber schon nach fünf Monaten ausgegeben, so dass der Regierungspräsident den Innenminister um Nachschub bitten musste. Zögernd überwies dieser, wollte dann aber schon wissen, wofür das Geld denn ausgegeben werde. Von den gut 6000 Mark, die im Jahr verausgabt wurden, wurden demnach 5000 Mark für die Remuneration von acht ständigen Hilfskräften gezahlt – das waren die informellen Mitarbeiter des Polizeipräsidenten.

Die Überwachungsmanie gegenüber den anarchistischen Zirkeln verweist ebenso wie deren Phobien auf eine wechselseitige Paranoia. Mit der realen Bedeutung des Anarchismus in Köln hatte dies nicht viel zu tun. Was sich aber hier genauso zeigt wie in der sozialdemokratischen und der christlichen Arbeiterbewegung, ist, dass es sich in Köln niemals um eine reine Industriearbeiterkultur handelte. Handwerker, Industriearbeiter, aber auch kleine Selbständige konnten sich dieser Kultur zugehörig fühlen, die auch die Familien umfasste, in den Vierteln sichtbar war und sich keineswegs nur auf Belange beschränkte, die unmittelbar auf die Arbeitswelt bezogen waren. Der Kölner Anarchismus war zwar ein unwichtiges, manchmal bizarres Phänomen. Aber er war eben auch Ausdruck davon, dass auch im Arbeitermilieu die Sozialdemokratie nur eine Option unter mehreren war.

Band 10 der Kölner Stadtgeschichte,
Köln im Kaiserreich, 1871 – 1918
wird am
Montag, 19.11.2018 um 18.00 Uhr
in der Piazzetta des
Kölner Rathauses vorgestellt.
Der neue Band schildert die rapide
Urbanisierung der Stadt Köln,
die Hunderttausende Zuwanderer
in die Stadt schwemmte.
Die Bewältigung des massiven
Wandels bedurfte der Traditionen,
um die neuen Kölner zu integrieren.