Gebaute Diplomatie im Mittelalter

13.09.2019

Dr. Hanna Christine Jacobs, Universität Bonn*

Die Doppelkapelle in Schwarzrheindorf und ein Kölner Erzbischof im Spannungsfeld zwischen König und Papst

Burgkapellen gehörten im Mittelalter zur Standardausstattung auch bescheidenerer Adelssitze. Dazu zählte auch der Schwarzrheindorfer Grundbesitz der Grafen von Wied. Und so war es zunächst nichts Ungewöhnliches, dass Arnold von Wied um ca. 1145 den Bau einer Kapelle auf dem unweit der Siegmündung liegenden Grundstück seiner Familienburg in Auftrag gab.

Das Erscheinungsbild und die Dimensionen dieses Baus sprengten jedoch den üblichen Rahmen. Als eigenständiger, doppelgeschossiger Zentralbau lehnte er sich an den Typus der herrscherlichen Pfalzkapelle an, wie ihn Karl der Große mit dem Aachener Dom für das mittelalterliche Kaisertum des Westens prototypisch etabliert hatte. Der Schwarzrheindorfer Bau imitiert das Aachener Vorbild deutlich mit der oktogonalen Öffnung der Vierung, die Unter- und Oberkapelle miteinander verbindet, und dem achtteiligen Klostergewölbe, das die Vierung im Obergeschoss überkuppelt. Nach dem Aachener Dom ist die Schwarzrheindorfer Kapelle die größte Privatkapelle ihrer Zeit und übertrifft in den Ausmaßen und im Reichtum des Architekturdekors – mit der ersten, den gesamten Bau umlaufenden Zwerggalerie und ihren fantastischen Kapitellen, der Blendbogengliederung und den Ecksäulen am Vierungsturm – sogar die kurz zuvor, vermutlich um 1120, errichtete Ulrichskapelle in der Kaiserpfalz zu Goslar, die damals den Standard einer kaiserlichen Pfalzkapelle darstellte.

Dabei ließ der Status des Bauherrn solche Dimensionen nicht unbedingt erwarten: Als Arnold von Wied den Bau der Doppelkapelle von Schwarzrheindorf in Auftrag gibt, ist er zwar Kanzler König Konrads III. (seit 1138) und Kölner Dompropst (seit 1127), zum Kölner Erzbischof wird er aber erst 1151 gewählt, als die am 24. April desselben Jahres geweihte Kapelle bereits fertiggestellt ist. Zwar übernimmt er als Vorsteher der Kölner Domkanoniker schon ab ca. 1149 teilweise die Amtsgeschäfte seines offenbar dementen Vorgängers Erzbischof Arnold I. und scheint auf dessen Nachfolge auch früh spekuliert zu haben, aber die Ausmaße und der Anspruch des Schwarzrheindorfer Baus bleiben selbst für eine erzbischöfliche Privatkapelle überdimensioniert. Mehr noch ist man erstaunt, wenn man weiß, dass Arnold unter anderem für den Kapellenbau offenbar sogar seine Pflichten als Kanzler vernachlässigt hat. So geht aus den Briefen seines Jugendfreundes Wibald von Stablo hervor, dass er sich ab 1149 mit fadenscheinigen Ausreden ganze zwei Jahre lang einer Gesandtschaft im Auftrag des Königs nach Italien entzogen hat, um Schwarzrheindorf und die Kölner Angelegenheiten möglichst nicht zu verlassen. Erst anlässlich der Weihe der Schwarzrheindorfer Kapelle sieht Arnold den König wieder, denn er hatte diese geschickt auf den Tag gelegt, bevor er als frisch gewählter Kölner Erzbischof am 25. April 1151 von Konrad III. im Vorgängerbau des Kölner Doms mit den königlichen Regalien des Kölner Erzbistums belehnt wurde. Die vielen Altäre der Doppelkapelle werden bei diesem von der Forschung als „Staatsakt allerersten Ranges“ bezeichneten Ereignis von mehreren Bischöfen im Gefolge des Königs geweiht, in Anwesenheit zahlreicher weiterer Würdenträger.

Wir können uns also zu Recht fragen, ob König Konrad III. den Schwarzrheindorfer Bau an diesem Tag vielleicht als Anmaßung empfunden hat? Ist Schwarzrheindorf das Produkt des übersteigerten Selbstbewusstseins und Geltungsdrangs eines mittelalterlichen „Neureichen“? Es ist nicht auszuschließen, dass manche Zeitgenossen dies tatsächlich so empfunden haben – das „bashing“ von Emporkömmlingen ist auch aus dem Mittelalter überliefert. Dass Arnold sich diese auftrumpfende Geste aber schadenfrei erlauben konnte – der anwesende Chronist und königliche Halbbruder Otto von Freising äußert sich voller Bewunderung über den Bau und das Ereignis – zeigt, wie groß das Wohlwollen war, das Arnold bei Konrad III. genoss. Als dessen Kanzler und enger Vertrauter musste Arnold dem König nichts mehr beweisen. Es zeigt aber auch, dass Arnold Konrad mit dem Bau und seiner Ausstattung im Gegenzug symbolisch etwas zurückgeben wollte. Was könnte dies sein? Und was lernen wir daraus über das Selbstverständnis eines (zukünftigen) Kölner Erzbischofs?

Konrad III. vergleicht Arnold 1151 im Empfehlungsschreiben an den Papst anlässlich von dessen Wahl zum Erzbischof – in zweifacher Christusanalogie – mit einem „Eckstein“, der die „zwei Wände“ König und Papst „mit dem dritten Band der Liebe verbunden habe“, und konstatiert, dass Arnold „immer Gott gegeben habe, was Gottes sei und dem Kaiser, was des Kaisers sei“. In der Tat scheint Arnold stets den Ausgleich zwischen Papst und Kaiser gesucht zu haben. Als Kanzler war er mehrfach in Italien beim Papst und u.a. mit der Vorbereitung der in Rom geplanten Kaiserkrönung Konrads betraut. In Folge des Investiturstreits war dies ein hoch diffiziler diplomatischer Auftrag von größter Wichtigkeit für den König, der einmal mehr zeigt, welches Vertrauen Arnold bei Konrad genoss. Arnolds ausgleichende Position zwischen beiden Kräften und sein diplomatisches Geschick kommen auch in einer Anekdote rund um die Kaiserkrönung Friedrichs I. Barbarossa 1155 zum Ausdruck, wo er diesen zum Steigbügelhalterdienst am Papst, einer formelhaften Unterwerfungsgeste, überreden konnte.

Die Rolle des römischen Kaisers, der aus dem Investiturstreit und dem Wormser Konkordat von 1122 gegenüber dem Papst geschwächt hervorgegangen war, wird im Bildprogramm von Schwarzrheindorf aufgewertet. Die Forschung hat schon länger vermutet, dass die vier thronenden Herrscher der Querhausnebenapsiden der Unterkapelle ein auf Hieronymus’ Exegese des Buches Daniel zurückgehendes Konzept verkörpern, das der bei der Weihe anwesende Otto von Freising in seiner Chronik zur Propagierung einer spezifisch staufischen Herrschaftsideologie nutzt. Danach ist das römische Kaiserreich das jüngste einer Reihe von vier großen Weltreichen der Menschheitsgeschichte, das bis zum Ende der Zeiten andauern wird. Der römische Kaiser ist dabei derjenige, der das Jüngste Gericht einläutet, indem er – nachdem er die Christenheit geeint und die Heiden unterworfen hat – seine Insignien in Jerusalem vor Christus niederlegt und damit seine Machtfülle an diesen übergibt. Bislang ist die Verwendung dieser Idee eher für Friedrich I. belegt. Am Beispiel der Herrscherfiguren in Schwarzrheindorf und ihrer Einbindung in das Gesamtprogramm der Kapellenausmalung möchte ich jedoch zeigen, dass sie bereits für Konrad III. verhandelt wird. Was in diesem Konzept zum Ausdruck kommt, ist die Gottesunmittelbarkeit des Herrschers, die den Papst als Vermittler im Grunde genommen obsolet macht. Eine Idee, die Arnolds zweiter Nachfolger Rainald von Dassel 1164 mit den Dreikönigsreliquien weiter manifestieren und endgültig für Köln beanspruchen wird. Es geht dabei auch darum, das Rheinland und die Kölner Erzdiözese als besonders reichsnah zu präsentieren, was seit Brun I. (reg. 953–965), dem Bruder Kaiser Ottos I., zum Selbstverständnis der Kölner Erzbischöfe gehört. Vor allem aber bekommt Konrad III. vor der Folie der Schwarzrheindorfer Wandmalereien eine gleichsam heilsgeschichtliche Bedeutung, die er 1151 nach dem gescheiterten zweiten Kreuzzug, dessen Teilnehmer er zusammen mit Arnold und Otto von Freising war, faktisch nicht mehr hatte.

Zugleich enthält der Kapellenbau und seine Ausstattung deutliche Rombezüge: Die Wahl der Patrozinien ist mit dem Märtyrerpapst Clemens I., Laurentius und Stephanus sowie Petrus und Paulus (neben Maria und Johannes dem Evangelisten) dezidiert römisch bzw. päpstlich. Arnold positioniert sich hier deutlich als Kleriker, gerade mit Blick darauf, dass die Unterkapelle vermutlich von Beginn an als seine potentielle Grablege geplant war, die nach seinem Tod 1156 tatsächlich im Fußboden des Westarms realisiert wurde. Arnold zeigt sich darin überdies in enger Verbundenheit mit päpstlichen Programmatiken, denn der 1108–1128 erfolgte Neubau der Kirche San Clemente in Rom – ebenfalls dem Märtyrerpapst Clemens I. geweiht – war das Leuchtturmprojekt der päpstlichen Renovatio Romae, der architektonischen Erneuerung Roms im Zuge der liturgischen und strukturellen Neuordnungen der Gregorianischen Reform. Auch mit der Wahl des ungewöhnlichen Bildthemas der Ezechiel-Visionen lehnt er sich an eine aktuelle papstnahe römische Kirchenausmalung an, die der 1123 geweihten Basilika von S. Maria in Cosmedin. Arnold geriert sich damit als Replikator päpstlicher Projekte im Norden und stellt dabei seine gute Kenntnis der Stadt Rom, die er mehrfach bereiste, unter Beweis. Gleichzeitig übernimmt er die ebenfalls seit Brun I. verfolgte erzbischöfliche Strategie der Zurschaustellung der Rom-Nähe der Stadt und Erzdiözese Köln. Letztere wird mit einem erneuten Clemens-Hauptpatrozinium und dem Ezechiel-Zyklus gleichsam als Musterschülerin der päpstlichen Schule gezeigt. Hier offenbart sich auch, an wen sich die übersteigerte Architektur Schwarzrheindorfs vor allem richtet: an die lokale Elite und die Konkurrenzbistümer Mainz und Trier. Mit dem Mainzer Erzbischof konkurrierte der Kölner Erzbischof um die Rolle bei der Königskrönung in Aachen, was auch die architektonischen Aachen-Analogien in Schwarzrheindorf erklärt. Köln als treue und rechtmäßige Romtochter zu inszenieren, stärkt den Anspruch des Kölner Erzbischofs darauf, der am besten legitimierte Vertreter des Papstes beim Zeremoniell der Königskrönung zu sein. Schwarzrheindorf an der Südgrenze des Kölner Erzbistums zu den Trierer und Mainzer Einflussgebieten wird damit zu einem wirkungsvollen Aushängeschild der Rom- bzw. Papst- und Königsnähe des Kölner Erzbischofs.

* Frau Dr. Jacobs wurde 2018 von der Gielen-Leyendecker-Stiftung mit einem Fellowship zu dem Projekt „Diskurs visueller Exegesen des Bildsystems der Doppelkapelle in Schwarzrheindorf im zeithistorischen Kontext“ beauftragt. Die Presse der Region Köln berichtete mit großer Begeisterung über das Forschungsprojekt