"Eine richtige Zeit gibt es nicht"

10.02.2021

5 Fragen, 5 Antworten mit Professor Dr. Remo Laschet

  1. Herr Laschet, wann würden Sie aus juristischer Sicht einem Erblasser raten das Erbe zu ordnen und wie sollte vorgegangen werden?

    Die meisten Menschen mühen sich mit viel Akribie ihr ganzes Leben, ihr Vermögen aufzubauen. Umso erstaunlicher ist, wie sorglos sie mit der Frage umgehen, was mit diesem Vermögen geschieht, wenn sie versterben. Da sind die Menschen erstaunlich phlegmatisch.

    Das liegt daran, dass wir uns nicht mit unserer Endlichkeit befassen möchten. "Et hät noch immer jot jejange" ist eine anderer Grund, die Frage ins Ungewisse zu verweisen. Das ist natürlich ein Trugschluss. Irgendwann müssen wir alle sterben, sagt der Römerbrief (5,12), aber eben irgendwann. Wann irgendwann ist, das weiß niemand.

    Daher ist der richtige Zeitpunkt, sich damit zu befassen "immer" und zwar regelmäßig. Das Leben verändert sich, das Vermögen wird anders, man heiratet, bekommt ein Kind, zwei Kinder oder drei und mehr, andere trennen sich, Vermögen wird irgendwann vielleicht nicht mehr gebraucht, zuweilen gibt es neue steuerliche Regelungen, persönliche Verhältnisse ändern sich. Eine richtige Zeit gibt es nicht.
    Richtig ist so früh wie möglich, und zwar nicht ständig, aber stetig sachlich zu prüfen, was mit dem eigenen Vermögen passieren soll.

  2. Was ist besser: Schon zu Lebzeiten Schenkungen veranlassen oder erben lassen?

    Das ist Geschmackssache. Der eine schätzt es mit warmer Hand zu geben und die Freude der Empfänger zu sehen und zu genießen. Andererseits währt die Dankbarkeit häufig nur wenige Sekunden, wenn das Geschenk erst einmal gemacht ist; das birgt Gefahren. Der andere will auf Gedeih und Verderben Steuern sparen und überlegt sich Vermögensverfügungen, die zwar Steuern sparen, aber letztlich ein Ergebnis zeitigen, das nicht gewollt ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass ja nicht der Erblasser Steuern spart, sondern diese fallen erst nach dem Tod an.

    Der Dritte sieht gar nicht ein, vor seinem Tod zu verfügen. Warum auch? Das birgt die Gefahr, dass Erben Verfügungen nicht verstehen und enttäuscht sind.
    Nach meiner Erfahrung ist Offenheit mit seinem Umfeld das Beste. Sprechen die Menschen zu Lebzeiten mit den potentiellen Erben und denen, die nicht oder in geringerem Maße bedacht werden sollen, dann wird vieles verständlicher und zielgerichteter.

  3. Wann werden Erbschaftssteuern fällig und wen trifft es?

    Erbschaftsteuern fallen mit dem Erbfall, also mit dem Tod von Erblassern an. Dabei ist es egal, ob es Erbschaften oder Vermächtnisse oder Pflichtteilsrechte sind. Wer aus einem Nachlass etwas erhält wird es versteuern müssen.

    Das Erbschaftsteuerrecht gibt Eheleuten einen Freibetrag von 500.000 Euro und zusätzlich einen Versorgungsfreibetrag; Jedes Kind hat einen Freibetrag von 400.000 Euro. Das ermöglicht es in einer Familie, je nach Kinderzahl eine Menge Vermögen steuerfrei zu übertragen.

    In der deutschen Durchschnittsfamilie mit Eltern und zwei Kindern sind das 1.300.000 Euro. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten, Familiengesellschaften zu gründen und so weiter. Die Freibeträge leben alle zehn Jahre neu auf, so dass bei rechtzeitiger Gestaltung die Freibeträge in einer Familie verdoppelt und je nachdem sogar verdreifacht werden können.

  4. Was sind die häufigsten Erbstreitigkeiten?

    Konflikte entstehen immer da, wo es an Kommunikation mangelt oder die Kommunikation nicht richtig und offen geführt wird.

    Die Menschen neigen dazu, Konflikte nicht auszutragen und zu thematisieren, sondern sie auf andere Ebenen zu verschieben. Das ist in der familienrechtlichen Auseinandersetzung ganz ähnlich: Menschliche Enttäuschungen werden versucht über Geld zu kompensieren; das "Liebchen" bekommt mehr, "Distanzierte" vielleicht weniger. Der hinter dem "Liebchen" oder der "Distanz" stehende Grund wird aber nicht angesprochen und bricht dann ohne, dass der Erblasser dazu noch etwas sagen und das erklären könnte, nach dem Tod aus.

    Natürlich spielt Neid eine Rolle und häufig sind es begründete und unbegründete frühkindliche Prägungen, in denen sich Menschen vermeintlich oder tatsächlich zurückgesetzt fühlen. Die Lebensgeschichten sollen dann aufgearbeitet werden, aber das nüchterne Erbrecht kann das nicht kompensieren; hier geht es in der Regel um nüchternes Geld. Wer das glaubt, Versäumnisse im Leben mit Geld kompensieren zu können, wird vermutlich Schiffbruch erleiden.

  5. Können Sie aus Ihrer beruflichen Erfahrung die in Deutschland prognostizierte Vermögensdifferenzen bestätigen bzw. gäbe es Möglichkeiten einer diese zu verringern?

    Die erwarteten Vermögensdifferenzen sind ganz logische Folge; keine Ideologie:
    Wer Geld mit eigener Arbeit verdient, zahlt dafür Steuern. Wer 400.000 Euro im Laufe der Zeit durch Arbeit verdient hat, muss diesen Betrag versteuern; außerdem werden Sozialabgaben fällig. Von den 400.000 Euro bleiben dann vielleicht 200.000 Euro netto übrig.
    Der Mensch, der von seinen Eltern zeitgleich 400.000 Euro erbt, behält diese in voller Höhe; keine Steuern, keine Sozialabgaben.

    Beide Menschen treffen auf dem Wohnungseigentumsmarkt aufeinander: Für die gleiche Immobilie hätte der Erbe also das Doppelte an Eigenkapital zur Verfügung als der, der das Geld mit seiner Hände Arbeit verdient hat. Und nicht nur das: dadurch würde der Kredit des Erben für den Restbetrag günstiger und so weiter. Die Beispiele lassen sich unendlich weiterspinnen.
    Nun wird gegen die Erbschaftsteuer eingewendet, es werde ja bereits versteuertes Geld noch einmal versteuert. Das ist richtig. Versteuert hat es aber der Erblasser. Der Erbe erhält vermögenswerte Zuwendungen steuerfrei oder mindestens steuerbegünstigt.

    Auf Sicht muss es bei nüchterner Betrachtung also logischerweise zu einer Vermögensschere kommen. Wie man dieser Schere begegnet, muss Gegenstand des ehrlichen gesellschaftlichen Diskurses werden. Da müssen sich alle ehrlich machen; die Befürworter hoher Vermögens- und Erbschaftssteuern ebenso wie die, die meinen, Erbschaftsteuern seien fortgesetzter Diebstahl des Staates.
    Das Ergebnis des Diskurses ist dann auch die Antwort auf die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten. Alle Gesellschaften, die diesen Diskurs nicht geführt haben, hat dies auf Sicht nicht gut getan; und das trifft dann Vermögende gleichermaßen wie arme Menschen.